Kinder digital begleiten

Wenn unsere Kinder in die Schule kommen, begleiten wir sie – am liebsten bis zum Klassenzimmer. Wenn wir ihnen beibringen Fahrrad zu fahren, zeigen wir ihnen geduldig, wie es geht. Und wenn unsere Kinder Schwimmen lernen sollen, buchen wir meist sogar einen Schwimmkurs. Doch was, wenn Kinder eigene Tablets oder Smartphones nutzen – begleiten wir da auch? 

Digitale Medien bestimmen unseren Alltag und zunehmend den unserer Kinder. Zeit also für einen kompetenten Umgang, den aber von Natur aus nicht alle Eltern begleiten können – weil sie schlichtweg nicht die Erfahrungswerte haben. Woher auch? In ihrer Kindheit und Jugend gab es vieles nicht. Sich nachträglich in alles einzuarbeiten, scheint schier unmöglich.

Zum Glück gibt es Leonie Lutz!

Leonie bietet Medienkompetenz-Onlinekurse für Eltern unter www.kinderdigitalbegleiten.de. Sie weiß um mögliche Gefahren, die die digitale Welt für Kinder und Jugendliche mit sich bringen kann. Gleichermaßen kennt sie aber die Chancen für die digitale Zukunft.

Leonie kämpft sich durch AGBs von Apps und Onlinegames, recherchiert unter Pseudonym als minderjähriges Kind im Netz und bündelt ihr Wissen unter „Kinder digital begleiten“, damit Eltern kompakt und aus einer Hand erfahren, was bei Kids und Teens online wirklich abgeht, wie welche Apps sicherer eingestellt werden und was es bei Online-Anwendungen unbedingt zu beachten gibt. 

Einen kleinen Vorgeschmack gibt sie hier bei uns:

Schaut rein und schützt Eure Kinder durch Prävention und aktives Begleiten im Internet!

Kinder und Jugendliche vergeben am liebsten Nutzernamen, mit denen man sie auch finden kann. Das klingt auf den ersten Blick logisch, Klarnamen schützen aber Kinder und Jugendliche keineswegs und sollten vermieden werden.

Auch ist es wichtig, auf den unterschiedlichen Plattformen verschiedene Accountnamen zu nutzen. Denn: Auf der Website namechk.com kann jeder soziale Netzwerke nach Nicknames durchsuchen – und die Profile der anderen finden.

Wenn Kinder also zum Beispiel überall EINEN Nutzernamen haben, ist es für Groomer und Mobber ein leichtes Spiel, das Kind auch auf anderen Plattformen zu finden.

Für mehr Schutz empfehle ich Nutzernamen, die weder Namen/ Familiennamen, noch Orts-, Geschlechts- und Altersangabe beinhalten. Potenzielle Täter können so anhand des Namens nicht ablesen, wem sie schreiben, und lassen hoffentlich die Finger von einer Kontaktaufnahme

YouTube hat einen Ableger, den viele Familien nutzen: YouTube Kids. Doch während meiner Recherchen für „Kinder digital begleiten“ habe ich auch Inhalte gefunden, die nicht für Kids geeignet sind. Wo „Kids“ drauf steht, muss also nicht zwingend „Kids“ drin sein. Irgendwie ist das auch ganz logisch: Hinter YouTube steht keine Redaktion im klassischen Sinne, somit wird also nicht jedes hochgeladene Video manuell geprüft. Wäre bei den Massen an Content wohl auch kaum zu wuppen. Die Aufgabe der Prüfung übernehmen Algorithmen, was das System bislang nicht fehlerfrei macht.

Hier sind wir Eltern also gefragt, denn es gibt tatsächlich eine Möglichkeit die YouTube Kids-App einen Tick sicherer zu machen.

Konkret braucht es Basis-Einstellungen bei YouTube Kids: Wichtig ist, sich als Eltern selbst ein Google E-Mail Konto anzulegen, damit haben Eltern nämlich noch mehr Einstellungsmöglichkeiten in der Kinder-App als ohne Anmeldung.

Mit einem Account lassen sich konkret Inhalte blockieren, Kanäle hervorheben, Kinderprofile anlegen, die Suche deaktivieren, nur genehmigte Inhalte anzeigen und der Wiedergabeverlauf pausieren.

Mein Tipp: Bei YouTube Kids nur selbst ausgewählte (und gesehene) Kanäle zulassen.

Unter diesem Link erkläre ich die konkreten Steps.

Wem das zu umständlich scheint und wer trotzdem auf Nummer sicher gehen will, dem empfehle ich die öffentlich-rechtlichen Kinder-Apps wie der Kika Player oder ZDF tivi, alternativ lassen sich aber auch bei Amazon Prime Video und Netflix Kinder-Accounts mit Altersbeschränkungen einrichten. Bei diesen Angeboten handelt es sich übrigens ausschließlich um geprüfte Inhalte.

TikTok fasziniert, auch mich als Erwachsene. Die Inhalte sind häufig kreativ, kurzweilig und meist auch noch witzig. TikTok ist für schneller Zeitvertrieb, snackable Content, Videos zwischen 15 und 60 Sekunden. Die App steht mit einer Altersfreigabe ab 13 Jahren in den App Stores. Wer unter 18 Jahre alt ist, benötigt die Einwilligung eines Erziehungsberechtigten, so sehen es die Nutzungsbedingungen vor.

Achtung: Die Faszination TikTok kann bei Kids auslösen: Da will ich selbst mitmachen! Und dann sollten ein paar wichtige Dinge beachtet werden, weil TikTok mit fehlenden Privatsphäre-Einstellungen auch ein Türöffner sein kann für sexistische oder denunzierende Kommentare, Privatnachrichten und überhaupt Kontaktaufnahme durch Fremde.

Ist ein TikTok-Account also zu wenig geschützt, lassen sich die Videos in Sekundenschnelle weiterverbreiten, zum Beispiel via WhatsApp, E-Mail, Instagram, Snapchat und Co. Heißt also: Wenn Kinder ein eher ungünstiges Video bei TikTok teilen, kann sich das wahnsinnig schnell verbreiten und im Zweifel über Jahre im Netz stehen.

Auch Medienschützer beäugen TikTok kritisch, nicht zuletzt durch die vorhandenen Chat- und Kommentarfunktionen, die es Cybergroomern einfach machen. Unter Cybergrooming versteht man, wenn Erwachsene Kinder über Apps, soziale Netzwerke oder Onlinegames kontaktieren, um sie zu einer sexuellen Handlung zu animieren (z.B. Nacktbilder tauschen).

Wer TikTok nutzt, sollte die wichtigsten Einstellungen für mehr Schutz kennen.

  • Profil: auf „Privates Konto“ stellen. Auch sollte das Kind nicht im Profilbild zu erkennen sein und aus dem Nutzernamen sollte nicht hervorgehen, wie das Kind heißt, welches Geschlecht es hat, wann es geboren wurde, wie alt es ist, aus welcher Stadt es kommt und welche Schule es besucht
  • Unter „Privatsphäre und Sicherheit“ lässt sich das Profil so einstellen, dass nur Freunde dem Kind Privatnachrichten schicken dürfen. Sinnvoll ist auch, den Kommentarfilter zu nutzen und Begriffe auszugrenzen.
  • Folgende Funktionen lassen sich zudem deaktivieren:
    • Anderen erlauben, mich zu finden
    • Kommentare veröffentlichen
    • Duett aufführen
    • Auf Videos reagieren
    • Nachrichten empfangen

Für Eltern steht seit 2020 auch der sogenannte „Begleitende Modus“ zur Verfügung, bei dem sie den Account des Kindes mit dem eigenen verknüpfen können.

Mehr konkrete Infos zu Apps, die Kids und Teens nutzen (Instagram, Snapchat, Tellonym, WhatsApp etc.) sowie die richtigen Einstellungen für die jeweilige Plattform habe ich auch in meinem Online-Kurs 2 zusammengefasst.

Was macht gute Apps für Kinder aus? Seriöse Kinder-Apps lassen sich anhand von sechs wichtigen, technischen Merkmale festmachen:

  • Keine Werbung
  • Keine In-App-Käufe
  • keine sozialen Netzwerke, die App läuft auch ohne Verbindung zu Facebook
  • keine Chat-Funktion
  • überwiegend positive Bewertungen in den App-Stores
  • ohne WLAN bespielbar

Werden Apps kostenlos zum Download angeboten, kann man davon ausgehen, dass die Währung eine andere ist: unsere Daten. Es empfiehlt sich also, lieber ein paar Euros für eine sichere Nutzung zu investieren, oder alternativ die öffentlich-rechtlichen Angebote für Kinder zu nutzen. Die ZDFtivi-App, der KIKA Player und die Maus-App bieten altersgerecht sehr gute Inhalte.

Google sollte von Kindern nicht als Suchmaschine genutzt werden, hier empfehlen sich blinde-kuh.de oder fragFINN.de, letztere ist übrigens auch als App erhältlich.

Teenager können mit Blinde Kuh oder fragFINN vielleicht weniger anfangen. Da habe ich in meinen Recherchen ecosia.org für gut befunden, weil dort weniger pornografisches Material durch die Suche auffindbar ist.

Lehrplanbegleitend können Schülerinnen und Schüler mit der App ANTON schon ab Klasse 1 lernen.

Einfach Spaß macht die preisgekrönte App „Thinkrolls“, für jedes Alter ab Vorschule.

Gute Apps für Kinder allen Alters, die nicht per se pädagogisch verwerflich sind, Lernen mit Apps und YouTube sowie gute Podcasts für Kinder bilden jeweils auch ein umfangreiches Kapitel in meinen Online-Kursen für Lehrer, Eltern oder Erzieher von Vorschülern oder Grundschülern und Teens.

Wichtig ist: Erstmal selbst spielen, Mechanismen und Funktionen kennenlernen und ein Gefühl für die App oder das Spiel bekommen. Erst dann können Eltern zuverlässiger entscheiden, ob eine Anwendung wirklich für das eigene Kind geeignet ist.

WhatsApp haben heute teilweise schon Grundschul-Kinder, daher ist es besonders wichtig, auch Anwendungen wie „Chat-Fakes“ zu kennen. Sie tauchen immer wieder unter verschiedenen Namen auf und werden von Apple wie auch Google regelmäßig aus den Stores gelöscht.

Dennoch finden die Entwickler immer wieder Wege, mit neuem Namen die alte Masche aufleben zu lassen. Gab es 2019 noch „WhatsFake“ oder „WhatsPrank“, findet man 2020 eher „WhatsFalse“ oder „ChatFake“. 

Eltern und Pädagogen sollten wissen: Mit diesen Anwendungen kann man Chats komplett fälschen – und Screenshots erstellen.

Warum sollte man das tun, fragt man sich da? Nun, die gefälschten Screenshots werden z.B. bei Mobbing eingesetzt. Als (Druck-) Mittel von Mobbing-Tätern an Mobbing-Opfern. Innerhalb von Sekunden kann man Fake-Chats erstellen und weiterversenden. Wenn Kinder nicht wissen, dass es sich um einen Fake handelt (und meiner Meinung nach sieht man das nicht! Es wirkt echt!) entsteht großer Stress.

Sollten eure Kinder über WhatsApp solche Nachrichten bekommen, erzählt ihnen von den Fake-Apps und überlegt euch, wie ihr mit dem Absender umgeht (persönliches Gespräch, Kontakt über Vertrauenslehrer der Schule oder Hilfe bei Beratungsstellen).